Mittwoch, 9. Dezember 2015

Der Herr Ludwig B., ein Außenseiter der Gesellschaft ?!

Center

Dieser Tage wäre mein 11jähriges Arbeitsjubiläum in diesem Betrieb, wo ich mich schon bis zu meiner Pension oder gar darüber hinaus sah.

Nach unzähligen Anläufen in unterschiedlichen, teilweise sehr abenteuerlicher Arbeitsverhältnisse und etlichen Kursmaßnahmen des Dienstleisters AMS (StylingWorkshops, kreative Rollenspiele, vornehme Zurückhaltung bzgl. der persönlichen Klugheit, devot lächeln, bescheiden Auftreten, Lebenslauf fälschen bis zu Unkenntlichkeit usw. – sozusagen die gesamte Persönlichkeit verleugnen ), gehörte ich nun zu der Spezies der Langzeitarbeitslosen Alleinerziehenden Frauen 40+. So viele Titel hatte ich noch nie in meinem Leben.

Mit diesem Status hatte ich die Ehre eine Spezialbetreuung zu erhalten. In einem winzig kleinen Büro, lediglich mit Schreibtisch und 2 Sessel bestückt empfing mich ein junger Mann, der wohl mein Sohn hätte sein können. Die Jungen sind ja vielleicht doch noch motivierter und aufgeschlossener, dachte ich. Tatsächlich, ich hatte Glück. Der mir zugewiesene Arbeitsagent war begeistert von meinem Lebenslauf, von meinem Auftreten, von meinen vorsichtig vorgetragenen Wünschen hinsichtlich einer neuen Anstellung. Er telefonierte herum, kramte in den Laden des jungfräulich leeren Tisches, erhob sich schwungvoll und grapschte sich einem bunten Zettel von der Pinnwand. „Das ist es, ja!“ „Die sind ganz neu, die brauchen so jemand wie Sie. Sofort griff er wieder zum Telefonhörer und erzählte der Person am anderen Ende, dass er die „Traumfrau“ hier zu Gast hätte. Nun so rasch hatte ich noch nie einen Vorstellungstermin und tags darauf eine Anstellung. Es war kurz vor Weihnachten, was Besseres konnte mir nicht passieren. Deshalb habe ich wohl in ewiger Dankbarkeit und Demut die Arbeits- und Gehaltsbedingungen ohne Wimpernzucken akzeptiert.

Die ersten Jahre war es tatsächlich mein Traumarbeitsplatz. Mir gefiel die ursprüngliche Philosophie des Betriebes. Ich durfte meine langjährige Berufserfahrung, meinen Einfallsreichtum, meine rasche Auffassungsgabe, mein Können  und mein brennendes Engagement voll und ganz einbringen. Der Betrieb war funkelnagelneu. Von Beginn an beim Aufbau mitmachen, wunderbar. Besonders schätzte ich, dass ich schon  bald freie Hand für einen großen Arbeitsbereich hatte und vieles selbstverantwortlich gestalten konnte. Da nahm ich die finanziellen Abstriche bei meinem Gehalt gerne in Kauf. Nach 2 Wochen war mir klar, hier möchte ich fix bleiben.

Diese Art von Betrieb nennt sich SÖB (Hr. Daniel Guttmann, kennt dieses Modell sicherlich) und hat eine gewisse Anzahl von Fixpersonal und in Relation dazu Transitarbeitskräfte (TAK). Als TAK war die Anstellung auf eine bestimmte Zeit befristet und Ziel war es, wieder auf dem 1.Arbeitsmarkt einen Job zu bekommen. Ich habe es mit viel Einsatz geschafft in das StammTeam aufgenommen zu werden.

Das vorgesehene Kontingent an TAKs wurde nach und nach aufgestockt. Es kamen nun laufend Menschen zu Vorstellungsgesprächen. Diese fanden in dem Büro statt, wo auch ich meine Tätigkeiten ausübte. Ich war also meist dabei, wenn die Bewerber von der Betriebsleitung interviewt wurden. Nach einer gewissen Zeit, durfte auch ich diese Einstellungsgespräche führen.

Menschen, vorwiegend Männer denen man schon an ihrem Aussehen und Auftreten ansehen konnte, wie ihr Leben bisher verlaufen war. Unterschiedliche Schicksale, die ihr Leben beeinflusst hatte. Krankheit, Drogen, Alkohol , Schulden, Scheidungen und Straftaten waren vorwiegend Standardbestandteile in deren Lebensläufen. Für mich war das nicht ganz fremd, durch meine Arbeit im Obdachlosenheim kannte ich schon die gestrauchelten Menschen unserer Gesellschaft. So manches Gespräch wurde oft zum Abenteuer und jede einzelne Lebensgeschichte würde sicherlich eine spannende Biografie in Buchform füllen.

So auch die, des Herrn Ludwig B. Er war kein Alkoholiker, er war auch nie mit Drogen in Berührung gekommen, hatte keine dramatische Scheidung hinter sich, er war auch nie mit dem Gesetz in Konflikt geraten aber er war dennoch beruflich gescheitert. Ein etwa 1,70 m großer Mann mit knolliger Nase, runde kleine Augen, chaotischer Frisur und schmaler Mund. Die Kleidung war sehr abgetragen, eine Jeans die er über dem Bauchnabel mit einem Gürtel festgeschnallt hatte, ein Hemd das am Kragen leichte Risse hatte und ein Knopf fehlte, darüber eine alte Strickweste mit Muster aus den siebziger Jahren und eine Blousonjacke. Die Ärmel waren viel zu kurz und der Bund reichte kaum bis zum Bauch. Es sah so aus, als wäre es eine Kinderjacke. Die Schuhe waren ziemlich abgelaufen und sicherlich auch schon ein Modell aus dem vorigen Jahrzehnt. Die Figur konnte man irgendwie nicht ganz ausmachen, aber sie wirkte birnenförmig. Oben eher schlank nach unten etwas breiter. Das Alter war schwer ein zu schätzen, weil dieses Gesicht einen ganz speziellen Ausdruck hatte. Irgendwie sah er Stan Laurel  verdammt ähnlich. Witzig und berührend zugleich. Er sprach deutlich, dennoch hatte man oft den Eindruck ihn nicht ganz folgen zu können. Seine Unterlagen bewahrte er in einer mehrfarbigen Bauchtasche auf.

Er zog ein Blatt, geschützt durch eine etwas zerknitterte Klarsichthülle aus seinen „Wimmerl“ heraus. Sein Lebenslauf war übersichtlich. Zu unserer Überraschung hatte er eine abgeschlossene Büroausbildung, die schon einige Zeit zurück lag. Es folgten vorwiegend Hilfstätigkeiten in unterschiedlichen Bereichen. Zu Lücken und den Zeiträumen an denen man nicht klar eine berufliche Tätigkeit erkennen konnte wurde der Bewerber intensiv befragt. Wichtig war, was tatsächlich geschehen war und nicht das, was auf dem Papier stand. Bei Herrn Ludwig war es eben dieser auffällige Abstieg nach der Berufsausbildung. Er hatte zwar eine (wohl in Bewerbungstraining eingeübte) Antwort, aber ganz schlüssig war es dennoch nicht. Aber Herr Ludwig durfte bei uns beginnen.

Sein Aufgabengebiet umfasste vorwiegend die Reinigung und nach einigen Wochen übernahm er auch die Ausgabe der Arbeitskleidung. Er war sehr akribisch in seiner Tätigkeit. Fragte ganz genau nach. Er fragte viel und oft. Die Erklärungen wiederholte er dann mehrmals laut. Er hatte einen kleinen Notizblock, wo er in kindlicher Schrift seine Notizen machte. In der ersten Zeit, wirkte er sehr ernst und ich sah ihn kaum mit einem Lächeln in seinem komisch wirkenden Gesicht. Herr Ludwig war immer pünktlich. Herr Ludwig hatte einen langen Anfahrtsweg, obwohl er einen Führerschein besaß fuhr er mit den öffentlichen Verkehrsmitteln. Der Betrieb lag relativ abgelegen und war deshalb auch nur sehr mühsam zu erreichen. Von den Mitarbeitern wurde er meist eher schräg angesehen und so manches Mal gehänselt. Doch er ließ sich das nie anmerken und blieb immer höflich und korrekt in seinem Auftreten. Die Aufgaben wurden ausschließlich vom Fixpersonal an die Mitarbeiter übertragen.

Doch in dieser männerorientierten Branche waren der Ton und der Umgang mit Kollegen nicht immer vom Feinsten. Deshalb kam es auch vor, dass Herr Ludwig manchmal Arbeiten übernehmen musste, die nicht in seinen Bereich lagen. Einige Kollegen betrachteten ihn sozusagen als Trottel vom Dienst. Doch das war er nicht. Herr Ludwig wusste sich auf seine Art und Weise zu wehren. Er überraschte mit treffsicherer Schlagfertigkeit und subtilen Humor. Er suchte sich die Menschen ganz genau aus, mit denen er intensiven Kontakt halten wollte. Herr Ludwig schaffte sich auf seine Art und Weise Gehör und war bei manchen sehr beliebt, einige ignorierten ihn einfach und manche fanden ihn einfach lächerlich. Er hatte ein feines Gespür für Menschen denen er Vertrauen konnte. Herr Ludwig war klug, vielleicht nicht allzu gebildet, aber er kam in seinem Leben zurecht. Er entwickelte sich irgendwie zu einem Faktotum. Bei feierlichen Anlässen (Weihnachtsfeier, Besuch von AMS usw.) war er sehr engagiert und war der Erste, der sich für Aufgaben meldete. Selbst in der Küche konnte er sich gut ein bringen.

Als die vorgegebene Zeit zu Ende ging, war er sehr oft in meinem Büro. Er wollte unbedingt im Betrieb bleiben. Das war aber nicht möglich. Die Bedingungen waren klar vorgegeben. Einen Folgejob konnten wir leider nicht finden. Als er nicht mehr da war, fehlte er in vielerlei Hinsicht. Aber er besuchte uns oft und erzählte ganz genau, was er so den Tag über macht und immer wieder betonte er, wie gerne er wieder bei uns arbeiten würde. Voraussetzung war unter anderem, dass man einen gewissen Zeitraum durchgehend arbeitslos gemeldet war. Herr Ludwig besuchte weiterhin unzählige Kurse und die Zeit verging.

Ursprünglich war es nicht vorgesehen, einen Mitarbeiter ein weiteres Mal ein zustellen. Doch die Praxis zeigte, dass es für Viele mehrere Anläufe brauchte.

So war es auch bei Herrn Ludwig. Er durfte abermals bei uns arbeiten. In dieser „zweite Runde“ wurde Herr Ludwig selbstbewusster, er schaffte sich Ansehen durch seine Kompetenz in seinem Bereich. Er war nicht nur noch der „Putzfetzen“ vom Dienst, nein er war so etwas wie ein Hausbesorger, Hausdiener, Müllinspektor und er nahm seine Aufgaben sehr ernst und er war stolz darauf. So kam es auch, dass wir mehr von seinen privaten Lebensumständen erfahren konnten. Seine Schwester und er besaßen ein Haus mit Grund. Geerbt von den Eltern. Diese hatte ein Jahrzehnte lang einen gutgehenden Betrieb. Herr Ludwig kam jetzt oft um Rat zu fragen, was er denn mit dem Haus machen sollte. Eigentlich war dieses Haus mittlerweile eine Baracke, es machte also keinen Sinn, es weiterhin zu behalten. Bisher hatte er dieses Kapitel in seinem Leben völlig zu Seite geschoben. Uns gegenüber sprach er niemals darüber. Aber jetzt war offensichtlich so viel Vertrauen da und wir konnten ihn ausreichend zu Hand gehen, was diese Sache betraf.

Es war vorwiegend die Sozialarbeiterin und die Betriebsleitung derlei private Probleme gemeinsam zu lösen. Sorgen mit Wohnung, Kinder, Scheidung, Gericht, Geld, Drogen, Krankheit und viele andere Nöte wurden angesehen und wir versuchten diese so gut wie möglich gemeinsam auf die Reihe zu bekommen. Eine sehr verantwortungsvolle und aufreibende Angelegenheit.

Herr Ludwig hatte zu mir von Beginn an großes Vertrauen, er kam mit all seinen Sorgen und Fragen gerne zu mir. Wie auch viele der anderen Mitarbeiter auch. Ich erfuhr sehr viele Details, manches Mal Geheimnisse aus deren Leben. Mein Eindruck war, er lächelte viel mehr, als zu Beginn. Und er war sogar in der Lage so etwas wie Small-Talk zu führen. Üblicherweise plapperte er drauf los und hörte gar nicht auf das was der andere sagte. Er hatte zu Beginn auch kein Gespür dafür ob er im richtigen Augenblick im Büro auftauchte. Es kam schon vor, dass er zwar immer anklopfte, aber er übersah, dass eventuell gerade jemand anderer im Büro war, das ich vielleicht im Augenblick am telefonieren oder anderweitig beschäftigt war. Ich denke nicht, dass es daran lag, dass nicht aufmerksam war. Wohl eher, dass er die Situation nicht erkannte. Aber er hatte dazu gelernt, er fragte jetzt immer ob er jetzt „dran kommt.“ Ja, er hatte sich fast zu einem sehr charmanten und unterhaltsamen Gesprächspartner entwickelt. Seine manchmal sehr devote Art und Weise einem gegenüber zu treten war kaum noch vorhanden. Sein Selbstvertrauen war beachtlich gestiegen.

Als er dann endgültig den Betrieb verlassen musste, schenkte er mir eine Bonboniere. Ich war sehr gerührt. Ich hatte diesen Mann wirklich sehr ins Herz geschlossen und wünschte ihm das Allerbeste für seine Zukunft. Es kam aus tiefsten Herzen und ich bin überzeugt davon, er macht seinen Weg, auf seine Art und Weise.

Leider hat die „normale“ Arbeitswelt heute kaum bis gar keinen Platz mehr für solche Menschen. Es macht sich niemand mehr die Mühe, weil es keine Zeit dafür gibt, hinter die Kulissen eines Lebenslaufes eines Menschen zu blicken. Im Berufsuniversum gibt es keinen Platz für langsame Menschen, auch wenn sie ihre Arbeit total korrekt ausführen. Was zählt ist ausschließlich höchste Leistung innerhalb kürzester Zeit. Und Zeit kostet bekanntlich Geld.

Außerdem wer braucht schon einen etwas kurios wirkenden kleinen Mann, der aus der Reihe fällt. In mehrfacher Hinsicht. Eine Persönlichkeit der anderen, aber besonders loyalen, gewissenhaften, ehrlichen, redlichen und zuverlässigen Art. Ein anständiger Arbeiter eben.

Seit drei Jahren bin ich nicht mehr in diesen Betrieb, aber ich habe erfahren, dass Herr Ludwig ab und an dort auf Besuch kam. Als er aber erfahren hat, dass ich nicht mehr dort tätig bin, ist er nie wieder hingegangen.

Mittlerweile wurde das komplette fixe Team ausgewechselt, warum weiß ich nicht, aber es wird wohl Gründe haben, von denen ich lieber nichts wissen will – weil sie mir zuwider sind – in dieser erkalteten Arbeitswelt in der  die immer mehr werdenden  Hr. und  Fr. Ludwigs  nicht hinein passen.  Selbst wenn sie äußerlich nicht gleich so auffällig sind wie dieser brave Mann. 

Schade, dass ich noch nicht mein Museum habe, ich würde Herrn Ludwig sofort als „Guten Geist“ des Hauses einstellen!

Weil Herr Ludwig k e i n  Außenseiter ist!

Bonustrack

OBK2

Du wärst „Mei Zuckagoschal“

Des wa so „Schee, Schee“

„Ka Idee“ wie des weitergeht

Du sagst:“Fia di wa des ka Leben"

Zuerst packt die des „Feuer“

Dann rennst „An Schritt vire, zwa Schritt zruck“

Vielleicht „wohnt des Glück a Tia weida“

„1na von uns 2“ hat wahrscheinlich an „Defekt“

„A schwera Fall“ von „zu vü Gfühl“

Du manst „Es ist besser du gehst“

I was „Nix halt di auf“

Wahrscheinlich brauch ma beide „A neiche Haut“ 

Manchmal glaub i, du fühlst die „Ganz, schee allaa"

Glaub´ mas „Üba di loß i nix kumma“

Irgendwann „Hea I di klopfn“

Und dann bin i nach wie vor

„Die rote Anni und Du mei Kavalier“

©Texte von Kurt Ostbahn

…neu verpackt in eine „Trost und Rat“ – Version von ©Bluesanne am 05.05.1997

Die lieben Nachbarn



Im Februar 1985 bin ich hochschwanger mit meinem damaligen Ehemann hier in diese Wohnung eingezogen. Der Schnee taute ein wenig es roch nach Hundekot. Das ist mir als erster olfaktorischer Eindruck in Erinnerung geblieben. Die Wohnung erschien mir bei der ersten Besichtigung riesig groß und hell. Kein Vergleich zu der bisherigen etwas ab gewohnten Dachgarçonnière. Das 3stöckige Haus fügt sich mit zwei weiteren Stiegen nebenan mit vielen anderen in einer sehr großen Siedlung an der Peripherie von Wien ein. Dennoch fühlt man sich nicht beengt. Eine schmale Einbahnstraße schlängelt sich durch die Häuserreihen. Die Wohnung liegt im Erdgeschoß und eine etwa 8 m² große Loggia ist die Krönung des neuen Heimes. Gegenüberliegend eine einstöckige Reihenhaussiedlung. Viel Natur rundum. Auf unserer Stiege insgesamt 8 Wohnungen also eine übersichtliche Anzahl an Personen. Zu Beginn waren wir intensiv mit dem Einrichten beschäftigt, da ja das Baby bald kommen sollte. Wahrscheinlich haben schon damals die Hausbewohner neugierig aus ihren Fenstern geguckt, um zu sehen, wer da jetzt so einzieht. Zu dieser Zeit war ich vorwiegend mit Nest bauen und anschließend meinen Sohn versorgen beschäftigt. Mein Exmann war kein kommunikativer Mensch und eigentlich hatten wir vorwiegend seine Familie zu Besuch. Freundinnen kamen immer seltener, da er selbst die verständnisvollsten von denen,  ziemlich vergrault hat. Aus heutiger Sicht betrachtet, war es ein sehr abgekapseltes Leben ohne richtigen Kontakt nach außen. Somit wusste ich von den Mitbewohnern so gut wie gar nichts. Man hat sich gegrüßt und die Türe hinter sich geschlossen. So ging das bis zu meiner Scheidung 1997.

Unabhängig von der Trennung, wollte ich noch viele andere Dinge in meinem Leben ändern. Ich begann mit der Renovierung der Wohnung. Ich habe alle Zimmer neu gestrichen, mir ein neues Bett besorgt, die verbliebenen Möbel umgestellt und viele andere Kleinigkeiten verändert. Mein Exmann hätte am liebsten die komplette Wohnung leer geräumt, doch so viel konnte er alleine nicht schleppen. Außerdem gab es da ja auch noch Gesetze die das regelten.

In meinen nächtlichen Auffrischungsaktionen kam es dann oft vor, dass das eine oder andere Werkzeug fehlte. Zu dieser Zeit hatte ich noch keinen Führerschein und die Baumärkte waren nur sehr umständlich mit den öffentlichen Verkehrsmitteln zu erreichen. Mir fiel einer der Hausbewohner ein, der jedes Jahr an seinem Auto herum geschraubt hatte, der muss doch viel Werkzeug haben. Ich nahm all meinen Mut zusammen und ging in den dritten Stock und klingelte. Ein Hund bellte, eine kleine Frau mit Brille öffnete die Türe. Ich erzählte ihr kurz von meiner akuten Werkzeugnot. Sie bat mich herein und erzählte mir, dass sie sich ebenfalls erst vor kurzer Zeit von ihrem Mann getrennt hatte, und deshalb auch kein Werkzeug hatte. Wir tranken Kaffee und ich hatte den Eindruck, sie war froh eine Leidensgenossin zum Reden gefunden zu haben. Auch wenn bei ihr die Trennung wesentlich friedlicher von statten gegangen war als meine, hatten wir doch eine Gemeinsamkeit. Beim Weggehen hatte ich zwar nicht den so dringend benötigten Hammer, aber ihre Zusage, dass wir in Zukunft gemeinsam was unternehmen könnten. Es kam nie dazu, warum weiß ich nicht wirklich. Vielleicht weil ich in den kommenden Jahren viel unterwegs war und sie auch sehr oft abwesend war.

1998 hatte ich endlich meinen Führerschein. Das erste Einparken vor meinem Haus war mühsam. Ja, Frauen und einparken ;-) Schweißgebadet aber stolz recht passabel das Auto abgestellt zu haben ging ich in meine Wohnung. Kaum hatte ich die Türe geschlossen, klingelte es an meiner Türe. Die Nachbarin von gegenüber stand  da und schrie mich ohne Begrüßung an. Sie zerrte mich aus der Wohnung und bestand darauf sofort zu ihrem Auto mitzukommen. „Da, schauen sie sich das an, völlig zerkratzt, ich habe sie beobachtet, das waren sie!“ Ich wusste gar nicht wie mir geschah und hörte mir ihre Vorwürfe an. „Ich komme grad´ von der Waschstraße, das Auto war perfekt und jetzt die schwarzen Kratzer von ihrem Auto!“, schrie sie weiter. Ich war mir zwar nicht sicher, ob ich ihr Fahrzeug berührt hatte, oder nicht, aber ich entschuldigte mich höflich. Sie drückte mir ein Exemplar des Unfallberichtes in die Hand, verschwand wütend und die Tür zuknallend in ihrer Wohnung. Ich setzte mich und begann den Bogen auszufüllen. Kaum hatte ich Name und Adresse eingetragen, klingelte es abermals. „Gebens ma den Wisch wieda!“ „I was wie des is, ois Anfängerin, mei Tochta hot a nonet lang den Führerschein, nua Schererein!“ Sie riss mir das Formular aus der Hand und zerstückelte es in winzig kleine Teile. Ich bedankte mich fast demütig und wollte eigentlich schon wieder die Türe schließen. Doch sie begann plötzlich in einem fast weichen Ton in ihrer Stimme, am Stück aus ihrem Leben zu erzählen. Sie ließ sich über die anderen Hausbewohner aus, riet mir von dem einem oder anderen Kontakt zu dieser oder jener Person ab. Auf gar keinen Fall sollte ich mich mit den Leuten gegenüber in der Reihenhaussiedlung abgeben. „Alles reiche präpotente Schnösel“, sagte sie mit vollster Überzeugung. Ja, weil wir im Gemeindebau zusammen halten müssen. Es pfeift sich doch eh niemand darum, wie es uns Alleinerziehenden Frauen geht. Und überhaupt, sei sie ohnehin schon seit Jahren an Krebs erkrankt. Da kam eine ihrer beiden Teenagertöchter beim Haustor herein. Dieses Mädchen verwendete derart viel Parfüm, dass das Stiegenhaus drei Tage danach roch. Ihre Haare und ihr Makeup waren dementsprechend auch nicht gerade dezent. Meine Nachbarin wandte sich von mir ab und lotste ihre Tochter in die Wohnung und rief mir noch ein: „Nix fia unguat!“ zu. Die Türe schloss sich, meine ebenso. Nun wusste ich Bescheid, wie das so läuft in diesem Haus, in diesem Viertel! Einmal kam sie mit einem Stapel Vorhänge, weil sie festgestellt hat, dass ich keine hätte. Ich bedankte mich höflich. Aufgehängt habe ich sie nicht, weil ich keine Gardinen mag und weil ihr gut gemeintes Geschenk wohl im selben Parfüm wie ihre Tochter gewaschen wurde.

Es gibt da noch ein älteres Ehepaar im ersten Stock. Sie eine Plaudertasche, deren Gespräche ich  im Sommer immer auf dem Balkon mit verfolgen konnte. Ihr Mann sprach kaum etwas. Im zweiten Stock ein sehr elegante Dame, die sehr selten zu Hause war, deren Mann mehr mit seinem Oldtimer-Mercedes beschäftigt war, als mit ihr. Wie ich zu diesem Schluss komme? Als er starb blühte sie auf, und sie erzählte mir hinter her vorgehaltener Hand, dass er schwerer Alkoholiker war. Und ich könnte froh sein, meinen Mann los zu sein. Die andere Bewohnerin im zweiten Stock lebte ebenfalls, so wie ich mit ihrem Sohn zusammen. Beide auffällig weiße Haare und immer mit gesenkten Blick. Im obersten, dritten Stockwerk ein sehr alternativ auffälliges Paar, beide im Sechzigerlook unterwegs. Sie fuhren mit einem uralten Jeep herum. Bei den Leuten über mir, war ich mir nie sicher, ob die da wirklich wohnen, oder ob sie nur ab und zu vorbei kamen und nach dem Rechten sahen.

Lange Zeit war ich die jüngste Bewohnerin. Im Laufe der letzten Jahre starben mittlerweile 3 Hausbewohner. Auch die an Krebs erkrankte direkte Nachbarin. Innerhalb von kürzester Zeit war die Wohnung leergeräumt, renoviert und ein junges Ehepaar mit einer kleinen Tochter zog ein.

Irgendwie war es mir bisher nicht wirklich gelungen, regelmäßigen Kontakt zu den Leuten zu halten. Darum dachte ich mir, vielleicht klappt es ja mit den neuen Nachbarn. Deshalb stellte ich mich bei ihnen vor und brachte für das kleine Mädchen ein Geschenk mit. Sie bedankten sich höflich. Manchmal traf man sich am Gang oder im Hof und führte Small-Talk, das war es dann auch schon.

Ich wollte das einfach nicht akzeptieren. Das kann doch nicht sein, bin ich so unsympathisch, oder woran liegt es? Einmal hatte ich für jeden der Mitbewohner zu Faschingsbeginn einen Krapfen nett verpackt an jede Wohnungstür gehängt, mit lieben Grüßen natürlich. Als ich meine Küche renovieren ließ, warnte ich die Mitbewohner mit einem freundlichen Schreiben vor. Ich bat sie um ihr Verständnis, für das erhöhte Lärmaufkommen. Es wurde wohl zur Kenntnis genommen, denke ich. Kurzfristig gab es vermehrt Kontakt, den mein damaliger Kater arrangiert hatte. Der hatte die Angewohnheit sich den ganzen Tag draußen herum zu treiben. Wenn er dann wieder nach Hause wollte, lief er den heimkommenden Hausbewohnern hinterher. Er wusste genau, wer ihm die Türe öffnen würde. Die Leute klingelten kurz bei mir, riefen kurz:“George ist da!“ und gingen in ihre Wohnung. Und wenn man sich traf, erzählten sie mir wie begeistert sie von diesem schlauen Kerl sind.

2011 habe ich begonnen mein Schlafzimmer zu renovieren, was natürlich wieder mit Lärm verbunden war. Selbstverständlich brachte ich wieder einen Schreiben an der Informationstafel am Gang an. Zusätzlich auch noch ein kleines Brieferl für jeden der 7 Mitbewohner. Das Zimmer war längst fertig, da flatterte eines Tages ein Schreiben von Wohnpartner Wien ins Haus. Darin wurde ich aufgefordert zu einem bestimmten Termin, aufgrund einer Beschwerde einer Hausbewohnerin, zu erscheinen. Ich war sprachlos, und konnte mir beim besten Willen nicht vorstellen, worum es ging.

Wohnpartner Wien betreut Hausbewohner in den Gemeindebauten, versucht vorwiegend Streitigkeiten zu schlichten (Konfliktmanagement), und durch Aktivitäten die gute Nachbarschaft zu fördern. Ich ging also völlig ahnungslos zu meinem Termin und war sehr gespannt, worum es ging. Die Dame erzählte mir, dass sich meine Nachbarin aus dem 2. Stock über mehrfaches Lärmen beklagt habe. Ich war sprachlos und gleichzeitig entsetzt. „Das verstehe ich jetzt nicht, wieso hat sie mir das nicht persönlich mitgeteilt, wir sind ja nicht zerstritten, im Gegenteil, sie hatte doch ab und an meinen Strawanzer-Kater in ihrem Keller gefüttert“ Das wusste ich lange gar nicht, bis es mir ihr Sohn erzählt hatte. Und der war ohnehin immer sehr zuvorkommend und höflich zu mir. Die Betreuerin konnte das auch nicht begründen. „Wie soll ich jetzt vorgehen, nun ich werde mich bei ihr persönlich entschuldigen.“, sagte ich. „Nein, das möchte sie nicht, wir von WP werden das tun“

Äußerst seltsam, aber ich musste es wohl hinnehmen. Ich war meiner Mitbewohnerin nicht böse, aber verstehen konnte ich es nicht. Die junge Dame von WP plauderte noch ein wenig mit mir und ich erzählte ihr von meinen Bildern die ich male. Sie war sehr interessiert. Und so kam es dazu, dass ich in den Räumlichkeiten der Beratungsstelle meine allererste größere Vernissage veranstalten durfte. Mit Musik, Buffet, Kurzbesuch vom Bezirksvorsteher. Dieser überreichte mir höflich einen Blumenstrauß mit den Worten:“Wieso eigentlich Bluesanne, bei diesen roten Haaren?“ Ein wirklich gelungener Abend mit meinem Sohn, allen meinen liebsten Freunden und eine Reihe neugieriger mir unbekannter aber interessierte Menschen. Von den Hausbewohnern kam lediglich das junge Nachbarehepaar samt jungen Töchterchen. Jeder einzelne hatte zuvor von mir eine persönliche Einladung bekommen.

Bis heute erhalten sie von mir bei jeder meiner Veranstaltungen eine Einladung. Wenn ich die Leute treffe, lade ich sie ein, einfach bei mir zu klingeln, sie alle sind herzlich willkommen. Fast dreißig Jahre wohne ich hier, und niemand von diesen Leuten hat je meine Einladung angenommen. Woran liegt das? An mir? An den Leuten? Desinteresse? An meiner Wohnungstüre hängt ein Logo samt Website-Adresse in einem schönen Holzrahmen. Vielleicht interessiert es ja doch noch mal irgendwem im Haus. Die nachfolgenden Mieter?

In den letzten drei Jahren habe ich mich sehr zurück gezogen, hauptsächlich wegen meiner Erkrankung aber auch weil mich diese Teilnahmslosigkeit irritiert. Natürlich könnte ich jetzt sagen:“Wer nicht will, der hat schon“ und ich muss es wohl auch akzeptieren. Doch es beschäftigt mich nach wie vor. Nicht nur die MitHausBewohner, auch viele andere Begebenheiten, wo ich meine Gastfreundschaft bekunde aber diese kaum bis gar nicht erwidert wird. Was denken die Leute über mich? Ich sehe doch nicht wie ein gefährlicher geistesgestörter Straftäter aus? Ja, ein wenig spinnen tu ich schon, aber Gefahr ging nie von mir aus. Liegt es daran, dass ich rauche? Liegt es daran, dass ich Fleisch und tierische Produkte verspeise? Liegt es an meiner Einrichtung? Na bevor sie nicht bei mir waren, können sie ja nicht wissen, wie es bei mir aussieht. Ja ab gewohnt, das Bad ist seit 2 Jahren eine Baustelle, die WC-Türe schließt nicht, auch der Lichtschalter ist desolat. Die Katzen vielleicht? Die tun nichts, höchstens schmusen. Stinkt es womöglich? Mein Geschirr ist sauber, wenn ich Kaffee und Kuchen serviere. Und den Rest der Räumlichkeiten halte ich so gut ich halt kann sauber. Ist es die Wohngegend? Vielleicht liegt es in diesem Fall tatsächlich nicht an mir, sondern an den Anderen, der Grant-Nation? Vielleicht sitzen sie jetzt ebenfalls alleine Daheim, schreiben sich ihre Finger wund an den Laptops, Computern, Handys, Smart-Phones, I-Pads und was es sonst so fürs Internetzen gibt.

Beklagen und fragen sich jetzt, warum kommt niemand zu mir auf Besuch?

Dienstag, 8. Dezember 2015

Berufswunsch: Christkind

Amadea

Ich glaube es war vor 3 Jahren, kurz bevor ich komplett zusammen gebrochen bin, da dachte ich mir:

Christkind, das wäre doch ein Traumberuf.

Besonders in Hinblick, nein aufs genaue Draufschauen, was Menschen wirklich bewegt. Was Menschen das Leben erschwert. Trotz allen mit viel Kraftaufwand, fast schon erzwungenen Positivismus versuchen durch zu halten um weiter zu machen.Mit unzähligen Ablenkungsmanövern die negativen Dinge im Leben erschlagen. Niederdrücken und Unterdrücken. Bis es nicht mehr geht. Obwohl oder auch gerade weil mein Vater ein schwerer Alkoholiker ist, habe ich nie meine Sorgen beim Saufen ertränkt. Ich sage mir: „Wenn ich Alkoholiker bin, darf ich gar nichts mehr trinken“. Und weil ich mir aber diese Freiheit nicht nehmen lassen will, trinke ich nur des Genusses wegen. Drogen waren auch nie ein Thema. Vielleicht hatte ich da Glück, ich war nie direkt damit konfrontiert, obwohl ich in einem nicht gerade „feinen“ Teil von Wien aufgewachsen bin. Das eine oder andere Mal, bot mir eine Schulfreundin so eine seltsam riechende Zigarette an. Weil ich aber äußerst empfindlich bin, was Gerüche betrifft, habe ich auch das abgelehnt und bis heute auch nicht ausprobiert. Es interessiert mich nicht. Kurz hatte ich eine Phase, da warf ich mir viel zu viele Schmerztabletten ein. Zahnschmerzen und Migräne waren schon immer eifrige Begleiter. Diese haben mir damals ziemlich den Schädel vernebelt und mir das Lernen erschwert. Weil ich aber eine Streberin war und bin, habe ich auch das gelassen.

Doch irgendwas braucht der Mensch um den ganzen Frust, die Wut, die Verzweiflung, die Trauer, die Angst, die Panik, die Einsamkeit und viele andere furchtbare Dinge zu verarbeiten. Manchmal hilft es, anderen zu helfen. Dafür braucht man aber selbst sehr viel Kraft. Manchmal hilft Sport.

Ich habe meine Malerei meine Musik, meine Buchstabenzusammensetzrituale, meine Therapeutin und eine Allerliebste Freundin. Eigentlich jede Menge, um über die Runden zu kommen.

Jedoch habe ich auch die Veranlagung sehr oft den Schmerz anderer Menschen viel intensiver zu spüren, als meinen eigenen. Das kann ich nicht kontrollieren und oft erkenne ich nicht wirklich einen Zusammenhang, weshalb ich da so sensitiv reagiere.

Kurz ein Beispiel:

Ich fuhr in der U-Bahn zu meiner Therapeutin. Der Zug blieb auf der Strecke immer wieder stehen. Es kam die Durchsage: „Auf Grund einer Erkrankung eines Fahrgastes kommt es zu Verzögerungen!“ Da begann mein Herz schon zu rasen. Ist da jemand vor den Zug gesprungen? Langsam tuckerte die Bahn weiter durch den finsteren Tunnel. Plötzlich blickte ich in die hell erleuchtenden Fenster der U-Bahn an der wir gemächlich vorüber fuhren. Leer, kein Fahrgast, doch dann 4 rot gekleidete Menschen, die sich auf den Boden beugten und sich scheinbar einer Person zu wandten. Kaum hatte ich das gesehen, bastelten sich im Kopf rasend schnell Bilder zusammen. Sanitäter – Mensch zusammen gebrochen – verletzt – Herzinfarkt – tot – Wiederbelebung! Augenblicklich schossen mir Tränen in die Augen. Ich setzte sofort meine Sonnenbrille auf. Versteckte mein nasses Gesicht. Bis heute, habe ich keine Ahnung, weshalb ich derart betroffen war.

Aber es geht mir sehr oft so. Helfersyndrom?

Ein wirklich guter Freund meinte einmal ich sei altruistisch veranlagt. Unterm Strich, was gäbe ich drum die Welt zu retten und die Bewohner obendrauf! Und wer könnte das zumindest für den Anfang besonders gut.

Das Christkind.

Auch wenn es vielleicht ein wenig antiquiert sein mag, ich finde es ist ein besänftigender Gedanke. Mit viel Mühe und Liebe bemalen Kinder ein Blatt Papier und schreiben ihre Wünsche, in krakeligen Buchstaben oft mit vielen Rechtschreibfehlern gespickt,  ans Christkind.

Das Christkind hat  ja in Österreich sogar ein eigenes Postamt.

Was spricht dagegen, dass wir als reife erwachsene meist völlig ungläubige und pragmatisch logisch denkenden Menschen auch eine Wunschliste absenden? Und wenn schon nicht ans Christkind, dann vielleicht einen Brief in eine Flasche stecken und ins Wasser werfen. Braucht ja niemand davon erfahren, wie naiv kindlich Du bist ;-)

Man kann ja nie wissen, was geschieht!

Vielleicht erfüllt sich ja mein Berufswunsch!

Sinn(loser) Beitrag ;-)

Fisch

Vor wenigen Stunden hat hier eine neue junge FischIn die Frage nach dem Sinn des Lebens gestellt.

Diese Frage stellt sich doch der Mensch erst ab einem bestimmten Alter, oder?

Kinder tun das nicht, bis zu einem gewissen Zeitpunkt. Die Kleinen wollen wissen, warum der Himmel blau ist, woher die Babys kommen, warum sie so früh schlafen gehen müssen, warum sie das neueste Spielzeug nicht bekommen usw. Aber ich kann mich nicht erinnern, dass mich mein Sohn gefragt hätte, warum und wofür er auf der Welt ist.

Lange durchzechte Nächte enden ebenso mit einer heftigen Diskussion zu dieser Frage. Die benebelten Teilnehmer kommen oftmals zu den abstrusen und überraschenden Antworten.

Und so manches Mal stehen Leute in altmodischen Anzügen mit Zeitschriften in der Hand an der Wohnungstür und fragen ebenfalls danach.

Ich zähle mich auch zu den Menschen, die sich immer wieder den Kopf über die Sinnhaftigkeit des Daseins zerbricht.

Keine Ahnung, ob die Antwort darauf so wichtig ist.

Jedoch hat es die Natur schlau eingerichtet, dass wir nicht permanent jede einzelne Handlung des Tages hinterfragen.

Stellt Euch vor, man fragt sich jedes Mal:

„warum gehe ich jetzt eigentlich aufs Klo?“

„warum schlafe ich jeden Tag?“

„weshalb beiße ich in ein Stück Brot, um es zu essen?

„warum öffne ich den Mund, um zu trinken?“

„weshalb decke ich mich zu, wenn mir kalt ist?“

„warum hole ich die heiße Gugelhupfform nicht mit der nackten Hand aus dem Ofen?“

„weshalb schließe ich die Augen, wenn die Sonne blendet?“

Das ist doch bemerkenswert, oder?

Nichtsdestotrotz finde ich es wichtig, sich diese Frage ab und an durch den Kopf gehen zu lassen, sie macht einem das Leben bewusster, denke ich.

Wer fragt, ist ein Narr für eine Minute. Wer nicht fragt, ist ein Narr sein Leben lang. Konfuzius

Oft sitze ich aber einfach nur da und beobachte meine Katern,

es beruhigt mich und meine Fragen und Ängste verschwinden langsam im Universum des Gehirns und die Frage löst sich im Nichts auf.